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[1968] Thalidomid


Contergan hilft bei Lepra
Zwar keine Heilung, aber Eindämmung der Nervenentzündungen
Von unserem wissenschaftlichen Mitarbeiter Helmut Holscher
Frankfurt a.M., 10. Februar
Von einem neuen Sieg über die Lepra, die seit biblischen Zeiten die Menschen bedroht,
berichtete in einem Vortrag auf Einladung der Frankfurter Goethe-Universität der
israelische Arzt Prof. Dr. Felix Sagher, Direktor der der Hautklinik der Hebräischen
Universität in Jerusalem. Er räumte mit einer alten Ansicht auf, die auch in ärztlichen
Kreisen noch immer herrscht.
Wenn wir von der Lepra hören, von auf der Welt etwa zehn Millionen Menschen befallen
sind, in Afrika, in Südamerika, in Indien, dann denken wir unwillkürlich an den Aussatz, jene
verheerende Krankheit, die im fünften Buch Moses ausführlich beschrieben ist. Aber das
klinische Bild der Lepra, die schon seit dem vorigen Jahrhundert genau studiert wird, stimmt
kaum mit dem des biblischen und mittelalterlichen Aussatzes überein.
Unter dem "echten Aussatz" haben wir vielmehr eine ganze Reihe von Erkrankungen zu
sehen, vor allem Pilzerkrankungen, die möglicherweise ausgestorben sind. Denn die Lepra,
die infolge der Fehldeutung des biblischen Textes, vor allem aber auch wegen der
schrecklichen Verstümmelungen, die sie gelegentlich zur Folge hat, Angst und Schrecken
verbreitet, ist zwar eine Infektionskrankheit, aber hundertmal weniger ansteckend als
beispielsweise die Tuberkulose.
Professor Sagher hat in seinen langen Studien Familien kennengelernt, in denen auch bei
engstem Zusammenleben nur ein einziges Mitglied erkrankte. Er ist sogar der Ansicht, daß
nur Kinder davon infiziert werden können, bei denen dann allerdings die Krankheit erst nach
dreißig Jahren auszubrechen braucht. Denn wir kennen kaum einen Erreger, der, wie Prof.
Sagher es ausdrückte, "fauler" ist als der der Lepra.
Die Krankheit galt lange für unheilbar, und auch einen Impfstoff zu finden, ist bisher noch
nicht geglückt, weil sich der Erreger im Laboratorium nicht züchten läßt. Seit 1941 kann man
aber mit Hilfe der Sulfone, den Sulfonamiden verwandten chemischen Mitteln, etwa siebzig
Prozent der Kranken so weit bringen, daß sie in die Gemeinschaft zurückkehren können. Sie
müssen freilich ihre Tabletten über Jahre nehmen, weil sonst die Krankheit wiederkehrt.
Bei den übrigen dreißig Prozent der Leprakranken treten im vorgeschrittenen Stadium
Nerven- und Knochenschädigungen auf, die zu den abstoßenden Verstümmelungen und zum
Absterben ganzer Gliedmaßen führen und von furchtbaren Schmerzen begleitet sind. Gegen
sie sind die herkömmlichen schmerzstillenden Mittel machtlos.
Vor ein paar Jahren nun versuchte in Jerusalem der israelische Arzt Dr. Sheskin diesen
schmerzgeplagten Kranken Linderung und Schlaf zu geben: Er benutzte dazu das Schlafmittel
Thalidomid (Contergan). Was niemand zu hoffen wagte, geschah: Thalidomid erwies sich
nicht nur als schmerzausschaltend, sondern war in der Lage, die Nervenentzündungen
einzudämmen. Es ist zwar kein Heilmittel gegen die Lepra, wohl aber kann es die
gefürchteten Leprareaktionen zum Abklingen bringen. Was in Israel in kleinerem Umfange
gefunden wurde, hat sich inzwischen bei Großversuchen in anderen Lepragebieten, so in
Venezuela, wo die klinische Erprobung mit Billigung der Welt-Gesundheits-Organisation
durchgeführt wurde, und in Thailand, bestätigt: Ein verfemtes Heilmittel brachte plötzlich die
Lösung, die Hunderttausenden von Menschen die Rückkehr ins tägliche Leben ermöglicht.
Prof. Sagher betonte ausdrücklich, daß in keinem der von ihm und seinen Mitarbeitern
beobachteten Fälle jene Nervenentzündungen auftraten, für die Thalidomid in dem
kommenden Prozeß als Ursache genannt werden soll.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Sonntag, den 11. Februar 1968.




Telefon: +55 (11) 5562.4922     E-mail: talidomida@talidomida.org.br